Demokrat mit Narben: Ein Gespräch über Rebellion, Erwachsen werden und die heutigen Feinde der freien Gesellschaft mit Philipp Burger, Sänger der Südtiroler Rockband „Frei.Wild“

Lange Nacht der Demokratie


In seinem Buch „Freiheit mit Narben“ beschreibt der gelernte Zimmerer und Rocksänger Philipp Burger seinen schwierigen Weg vom Jugendlichen, der damals „einfach allen auf den Sack gehen wollte“ über den Skinhead in der rechten Südtiroler Szene bis zum patriotischen Demokraten, Bauer und Vater heute. 
Anlässlich der Langen Nacht der Demokratie diskutiert der Rocksoziologe Dr. Rainer Sontheimer mit Philipp Burgerüber die Frage, was man aus vergangenen Fehlern lernen kann, warum Kritik auch Motivation ist und was Jugendliche heute für die Demokratie von Morgen machen können. 
 
VITA
Mein Name ist Philipp Burger.
Viele kennen mich als Frontmann der Band Frei.Wild. Was vielleicht weniger bekannt ist: Ich bin Landwirt, Fischer, gelernter Zimmerer – und jemand, der sein Leben nie nur auf eine Bühne reduziert hat.
Ich lebe in Südtirol. Eine Region, die von Bergen, Tradition, Sprachen und Tourismus geprägt ist. Eine Region, in der Heimat nicht als Schlagwort verstanden wird, sondern als Verantwortung aus Verbundenheit und Dankbarkeit. Verantwortung für das, was über Jahrhunderte gewachsen ist – kulturell, landschaftlich und menschlich.
Mit Frei.Wild erreichen wir seit vielen Jahren ein breites Publikum im deutschsprachigen Raum. Und ja, Reichweite bedeutet Verantwortung. Für mich liegt die klare, nicht verhandelbare Grenze dort, wo Menschen entwürdigt oder ideologisch missbraucht werden. Kunst darf anecken. Sie darf provozieren. Aber sie darf niemals Plattform für Extremismus sein – weder von rechts noch von links übersteigert geprägtem Gedankengut. Nationalismus, der andere ausschließt oder abwertet, widerspricht meinem Verständnis von Heimat zutiefst. Heimat verbindet nach meinem Verständnis, sie grenzt nicht aus.
Auch ich war in meiner Jugend auf Irrwegen, stehe seit meinem Ausstieg aus der rechten Skinhead Szene für Werte ein, an denen sich auch die Songs von Frei.Wild ausrichten. 2001 gegründet, steht auch unsere Band für meinen Neuanfang, markiert ein neues Kapitel meines Lebens. In meinem Buch „Freiheit mit Narben“ habe ich viel über diesen Weg geschrieben – über Fehler, Missverständnisse, öffentliche Debatten und über die Entscheidung, sich nicht zu verstecken, sondern ins Gespräch zu gehen. Offenheit war für uns nie der bequemere Weg, doch der einzig ehrliche.
Neben der Musik arbeite ich als Landwirt und liebe es Fischen zu gehen. Ich bin gelernter Zimmerer, habe als Säger gearbeitet – ich kenne das Arbeiten mit Holz, mit Erde, mit Natur. Diese Tätigkeiten sind kein Hobby-Image, sondern Teil meiner Identität. Sie erden mich. Sie erinnern mich daran, dass Kultur nicht im luftleeren Raum entsteht, sondern aus Landschaft, Handwerk und Gemeinschaft heraus.
Ich glaube an eine kulturelle Mitte. An eine Gesellschaft, die nicht nur in Extremen denkt. An Dialog statt Schubladen. An Hausverstand. Und an das Bewusstsein, dass Tradition und Weltoffenheit kein Widerspruch sind. Frei.Wild steht für Lieder aus dem Leben. Für Sprache, Bräuche, Zusammenhalt, Selbstwertgefühl, Mut und neue Chancen. Auch für die Überzeugung, dass Identität nichts ist, wofür man sich rechtfertigen muss – solange sie niemanden anderen abwertet.
Das ist mein Weg. Zwischen Bühne, Bauernhof und Almwirtschaft. Zwischen Tourbus und Holzwerkstatt. Zwischen regionaler Verwurzelung und internationaler Reichweite. Und vielleicht ist genau diese Kombination das, was ich heute hier einbringen darf: Die Perspektive eines Künstlers, der weiß, dass Kultur Verantwortung trägt.
Ich weiß, woher ich komme. Ich weiß auch, wo ich falsch abgebogen bin. Entscheidend ist nicht, wo man einmal gestanden hat, sondern ob man bereit ist, Verantwortung für seinen Weg zu übernehmen. Entwicklung beginnt dort, wo man bereit ist, zuzuhören, dazuzulernen und trotzdem zu sich selbst zu stehen. Ich schaue zurück, um zu wissen, warum ich heute nach vorne gehe. Mit Haltung. Mit Herz. Und mit der Überzeugung, dass Zusammenhalt immer stärker ist als jede Form von Spaltung. Jugend heißt oft Rebellion. Das war bei mir nicht anders. Und ich glaube daran, dass jeder Mensch die Chance verdient, sich weiterzuentwickeln.
 
Dr. Rainer Sontheimer ist freiberuflich unter dem Titel „Der Rocksoziologe“ als Speaker, Dozent an der Universität der Bundeswehr München und Texter tätig. Dabei analysiert er soziologisch die Rock- und Metal-Kultur in ihren gesellschaftlichen und politischen Facetten. Er ist u. a. Kolumnist beim Magazin „Rock Hard“ und berät ehrenamtlich Organisationen und Veranstalter bei politisch umstrittenen Künstler*innen. Bekannt wurde er mit seiner These über Metal-Fans als konservative Spießbürger sowie mit seiner Diplomarbeit über Rammstein.  
Hauptberuflich arbeite er bei der CSU als Leiter der Politischen Akademie sowie als Referent für Bildung, Forschung und für Kirchen und Landesgeschäftsführer des Jüdischen Forums in der CSU. 
 
 
 

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